Hart auf hart

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Beschreibung

„Die Kaminski-Kids“ Band 3

Brunnen Verlag, Basel
160 Seiten, Hardcover, mit Illustrationen von Lisa Gangwisch

In der Gegend der Kaminski-Kids herrscht Aufregung: Auf rätselhafte Weise werden Hunde angegriffen. Simon, Debora und Raffi erhalten einen Drohbrief: „Ihr werdet euer Liebstes verlieren.“ Tatsächlich verschwindet ihr Collie kurz darauf spurlos! Sofort machen sich die Kaminski-Kids auf die Suche nach ihrem geliebten Hund. Doch da wird es noch brenzliger: Ein unbekannter Verfolger lockt die Kids in eine Falle – und sie geraten in eine äußerst gefährliche Lage …

Empfohlen durch das Schweizer Jugendwerk Pro Juventute.

„Ein Jugendkrimi siegte: Für seinen dritten Band aus der Reihe der Kaminski-Kids erhielt der Autor Carlo Meier den Werkpreis der SRG idée suisse. Aus sieben Werken konnte Meier sich durchsetzen. Wie alle Kaminski-Kids-Bücher ist ‚Hart auf hart‘ eine Geschichte, die in einen spannenden Jugendkrimi verpackt aktiv zur Prävention beiträgt. Mit dieser Leistung verdiente Carlo Meier den Werkpreis.“
Neue Luzerner Zeitung

FAIRTRADE
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Leseprobe

 

1. Die Entdeckung

«Schnell! Hier hinein!»
Debora gab Raffi und Simon einen Schubs. Sie drängte sich zu ihnen in die schmale Kammer und zog die Tür zu. Gegen einander gepresst standen die Kaminski-Kids in der Dunkelheit und hielten den Atem an, als draußen Schritte vorüber eilten.
Gedämpft drang die Stimme von Laura durch die Tür: «Hallo, Mami.»
«Worauf wartest du denn da?» entgegnete Lauras Mutter.
«Ach, auf nichts.»
Die Mutter klang ziemlich gestresst. Sie hatte heute Geburtstag, und das war auch der Grund, weshalb die Kids ein Rosengesteck aus der Blumenhandlung ihrer Eltern hier in den Gasthof ADLER liefern mussten. Nur waren die Rosen ein Überraschungsgeschenk – und als Lauras Mutter plötzlich im Flur auftauchte, blieb den Kids nichts anderes übrig als zu türmen und sich mitsamt dem Blumenbukett in der Besenkammer zu verstecken.
«Ganz schön eng hier drin», murmelte Simon.
Ein dünner Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch. Die stickige Luft miefte nach Scheuermittel und Schuhkrem. Allmählich konnten die Kinder im Finstern mehr erkennen. Simon quetschte sich seitlich an einem Feger, und ein Staubwedel hing ihm ins Gesicht.
Die kleine Raffi wisperte: «Ich muss Pipi!»
«Vergiss es!» zischte ihre drei Jahre ältere Schwester. «Das geht jetzt nicht!»
«Ich muss aber sofort – sonst kommt’s von selbst!»
«Oh nein!» stöhnte Simon, der älteste der Kids. «Jetzt hat sich auch noch das Bukett in einem Schrubber verklemmt!»
«Das haben wir gleich.» Debora drückte sich gegen das Putzmittelregal, um etwas Platz zu schaffen, und zog an dem Blumengebinde.
Mit einem Ruck lösten sich die Rosen. Doch dabei wurde ein Teil des Gestecks heraus gerissen.
«Ach du Schande! Was machen wir jetzt?»
Ratlos blickten die Kinder sich an.
«Mami kommt gleich noch mal vorbei», raunte Laura durch die Tür. «Ihr müsst noch ’ne Weile durchhalten!»
«Ja Pingu! Dann ist es zu spät!» drängelte Raffi verzweifelt.
Debora drehte das Bukett herum und stopfte einen sauberen Handbesen in das entstandene Loch. «So. Sieht doch ganz putzig aus!»
«Wie’n modernes Kunstwerk», schmunzelte Simon.
Draußen trapsten erneut Schritte vorüber. Gleich darauf öffnete Laura die Tür und flüsterte: «Ihr könnt rauskommen!»
Die drei blinzelten ins helle Tageslicht. Sie blieben wie festgewachsen stehen – da kam schon wieder jemand!
Doch zum Glück war’s bloß die Kellnerin. Sofort fiel ihr Blick auf das außergewöhnliche Rosengebinde.
«Oh!» sagte sie. «So ein fantasievolles Gesteck hab ich noch nie gesehen! Dieser Einfallsreichtum – Kompliment!»
Die Kids versuchten sich nichts anmerken zu lassen und keine Miene zu verziehen.
«Nicht übel, was?» brachte Debora heraus.
«Ihr könnt es mir gleich mitgeben.» Lächelnd nahm die Kellnerin das Bukett und verschwand damit im angrenzenden Zimmer.
«Ich muss jetzt wirklich mal ganz dringend!» Raffi flitzte los zum Klo.
«Ja, aber mach schnell!»
Während die Kinder im Flur warteten, strich die Colliehündin Elsie um ihre Beine herum. Sie knieten sich hin und streichelten ihr Fell – die hübsche Hündin war die Mutter von Zwockel, dem Collie der Kaminski-Kids.
«Darf Elsie seit neustem ins Haus? Früher musste sie doch immer draußen bleiben?»
«Habt ihr denn die schlechte Nachricht noch nicht gehört?» Laura schaute sie ernst an. «In der Gegend sind schon zwei Hunde getötet worden!»
«Tatsache?»
«Ja! Keiner weiss, wer der nächste ist. Deshalb wollen wir Elsie jetzt immer in unserer Nähe haben.»
Als Raffi endlich kam, sprangen sie auf. «Okay, tschüss Laura! Viel Spass bei der Geburtstagsparty deiner Mutter!»
Die drei sausten durch den Hinterausgang aus der Gastwirtschaft.
Auf dem Heimweg schlenderten die Kids der nachmittäglich verträumten Dorfstraße entlang.
Simon fröstelte. «Zwei getötete Hunde – das ist ja ’n Ding.»
«Richtig unheimlich», murmelte Debora, und die kleine Raffi kriegte eine Gänsehaut auf dem Rücken. «Wer kann sowas bloß tun?»
«Keine Ahnung …» Der 14-Jährige zuckte die Schultern. «Aber vielleicht wird der Täter ja bald geschnappt. Ich-» Simon stockte, als sie zu dem Haus kamen, wo die Bulldogge «Sitting Bull» lebte. Denn dort stimmte etwas nicht.
Im Garten kniete Herr Zeltner vor der Hundehütte und beugte sich über seine Dogge, die reglos dalag.
«Bitte», flehte er mit gebrochener Stimme den Rüden an. «Bitte, beweg dich wieder! Nur ein klein bisschen!»
Aber «Sitting Bull» bewegte sich nicht. Das würde er nie wieder tun. Der Hund war tot.
«Wie ist denn das passiert?» rief Simon betroffen.
Herr Zeltner kam über den Rasen zum Zaun. «Ich hab ihn vorhin gefunden.» Verzweifelt zeigte er zur Hundehütte. «Da – so wie er jetzt liegt. Er bewegt sich nicht mehr …» Seine Lippen verzogen sich schmerzvoll. Er holte ein Taschentuch heraus und versteckte das Gesicht dahinter.
Obwohl die Kids «Sitting Bull» wegen seines ohrenbetäubenden Gebells nicht gemocht hatten, berührte es sie nun sehr, dass er nicht mehr lebte.
Herr Zeltner schnäuzte sich. «Da sind … keine Anzeichen einer Verletzung … und so alt war die Dogge noch nicht. Das muss dieser mysteriöse Hundetöter gewesen sein! Der hat ihn vergiftet! Das ist jetzt schon der dritte Hund!»
Raffi zuckte zusammen. «Und wenn der als nächstes unseren Zwockel tötet?»
«Ich lasse auf jeden Fall untersuchen, woran meine Dogge gestorben ist», entschied Herr Zeltner. «Und wenn’s Gift war – wehe dem Kerl, wenn ich den erwische!»
«Kommt!» Simon hatte ein ausgesprochen ungutes Gefühl. «Wir sollten schnellstens nach Zwockel sehen!»
Seine Schwestern dachten genau dasselbe. Überstürzt stürmten die Kids davon.
«Tschüss», flüsterte Herr Zeltner hinter ihnen her.

2. Eine unheimliche Nachricht

Die Kids waren trotz des kühlen Frühlingswetters völlig durchgeschwitzt, als sie zu Hause über den Hof rannten. Sie spurteten an der Holztafel mit der Aufschrift KAMINSKIS BLUMENHOF und dem plätschernden Brunnen vorbei.
Mit pochenden Herzen schauten sie in die Hundehütte. Von Zwockel keine Spur.
«Vielleicht ist er im Laden!»
Sofort hasteten sie zur Blumenhandlung, die ans Haupthaus angebaut war, und spähten durch die Scheiben. Doch auch hier schien der Collie nicht zu sein.
Debora riss die Eingangstür auf. «Habt ihr Zwockel gesehen?»
An der Verkaufstheke bediente Mutter eine Kundin und blickte überrascht auf. «Nein. Warum?»
Vater arbeite im Büro, das durch Glas abgetrennt war, am Computer und tippte ohne Unterbruch.
Ohne Antwort hetzten die Kids um das ganze Gebäude herum. Im Hinterhof blieben sie keuchend stehen.
Kisten waren da. Stapel mit Pflanzenerde-Säcken. Aber kein Hund.
Laut rief Simon über den Platz: «Zwockel!»
Von den Gewächshäusern hallte es zurück. Doch sonst geschah nichts.
Die Kinder fühlten sich immer beklommener. Mit tränenerstickter Stimme wisperte Raffi: «Bitte, Zwockel, sei nicht tot …»
Debora brachte keinen Ton mehr heraus, so elend war ihr zumute.
«Zwockel!» brüllte Simon noch einmal.
Kein bisschen rührte sich.
Klamme Angst kroch in ihnen hoch. Sie waren wie gelähmt.
Da guckte hinter der Treibhausecke eine schwarze Hundenase hervor. Langsam folgte eine hellbraune Stirn mit weißem Fleck. Schließlich erschien der ganze Collie und trabte freudig auf die Kids zu.
Er sprang an Debora hoch, und alle drei tätschelten stürmisch sein Fell. «Lieber Zwockel! Bin ich froh, lebst du noch!» riefen sie glücklich durcheinander.
Hechelnd versuchte der Hund, Deboras Gesicht abzulecken.
Doch sie warf den Kopf in den Nacken. «Iiii! Lass das!» Trotz ihrer großen Erleichterung mochte sie es überhaupt nicht, wenn die feuchte Zunge über ihre Wangen schlabberte. «Ich muss jetzt eh weg – mit Suila und den Pferden Werbesendungen verteilen!» Sie machte sich von den Hundepfoten los und verschwand durch den Hintereingang ins Haus. «Bis später!»
Die anderen schmusten weiter mit Zwockel, der es sichtlich genoss, so ausgiebig verwöhnt zu werden. Er legte sich auf den Rücken und streckte die Beine in die Luft, um sich den Bauch kraulen zu lassen.
Da kam Debora unerwartet zurück. «Schaut mal, was mit der Post gekommen ist!»
Simon und Raffi konnten ihr auf den ersten Blick ansehen, dass sie vollkommen verstört war. In der Hand hielt sie einen Umschlag und ein Blatt kariertes Papier. Darauf waren mit Rotstift die Worte geschrieben:
ihr werdet euer liebstes verlieren
X
Noch vor dem Abendessen versammelte sich die ganze Familie Kaminski am Küchentisch. Die Kids hatten den «Familienrat» einberufen: Eine Gesprächsrunde, diesmal aus dringendem Anlass. Mutter und Opa waren schon da. Sogar Vater hatte sich von der Arbeit im Büro losgerissen und setzte sich nun an den Tisch.
«Schon drei Hunde sind getötet worden!» erzählte Raffi aufgeregt. «Und jetzt heißt es, dass unserem Liebsten etwas zustoßen soll!»
«Damit ist doch bestimmt Zwockel gemeint! Wir müssen unbedingt was unternehmen, um ihn vor dem Hundetöter zu schützen!» forderte Simon.
«Und zwar so schnell wie möglich!» doppelte Debora nach, die eben erst vom Reklame einwerfen zurück gekommen war.
«Nun mal langsam. Zeigt mal her.» Vater las die kurze Nachricht des Drohbriefes durch. «Der ist ja in Kinderschrift geschrieben. Das kann man doch nicht ernst nehmen – ist bestimmt ein böser Kinderstreich.»
«Wer könnte uns den bloß geschickt haben? Habt ihr mit jemandem Streit?» wollte Mutter wissen. «Irgend ein Kind aus euern Schulkassen, das euch vielleicht eins auswischen will?»
«Na ja, Zoff gibt’s immer», gab Simon zu. «Aber deswegen braucht man doch nicht gleich ’n Drohbrief schreiben. Das glaub ich echt nicht.»
Für Raffi schien der Fall klar: «Der Brief ist ganz bestimmt vom Hundetöter!»
«Liest du’s mir mal vor?» fragte Opa. Er war fast blind und konnte nur noch schattenhafte Umrisse von ganz großen Dingen erkennen.
Mutter nahm das karierte Papier auf. «Ihr werdet euer Liebstes verlieren», las sie. «Unterschrift: X.»
«So, so.» Großvater räusperte sich. «Ich habe irgendwie das Gefühl, man darf das Schreiben nicht unterschätzen.»
«Genau!» Raffis Augen blitzten, und Simon bat eindringlich: «Können wir Zwockel nicht ins Haus nehmen, wie die’s im Gasthof mit ihrem Collie auch tun?»
«Oh nein», stöhnte Mutter. «Bitte nicht. Der trägt mir den ganzen Schmutz rein! Und die Hundehaare überall! Nein, bitte nur das nicht.»
Opa brummte in seiner bedächtigen Art: «Allein die Tatsache, dass die Kinder Angst haben, ist ein Grund dafür, den Drohbrief nicht zu verharmlosen. Man muss das Gespür der Kinder ernst nehmen.»
«Bitte Mami!» bettelte die Kleine mit ihrem liebsten Stimmchen, das sie immer dann einsetzte, wenn sie etwas ganz dringend wollte.
«Der Collie könnte ja in meinem Zimmer übernachten», schlug Opa vor.
«Nur bis der Hundetöter gefasst ist», fügte Simon an.
Vater schüttelte den Kopf. «Das kann noch lange dauern. Und wer weiß, ob der überhaupt je erwischt wird?»
Nun schaltete sich Debora ein. «Wenigstens, bis die Schulferien vorüber sind …» Sie hatte ebenfalls ein süßes Stimmchen drauf, wenn sie wollte – nur tat sie das nicht immer. «Ja? Bitte sag ja!»
Unschlüssig schaute Vater zu Mutter. «Was meinst du dazu?»
Sie schürzte die Lippen. «Wenn die Kids die Verunreinigung selber putzen …»
«Klar tun wir das!» versprach Raffi.
«Ganz bestimmt?» Vater zögerte. Nach einer Weile sagte er: «Na gut – okay!»
«Super!» riefen die Kinder gleichzeitig, und auf Opas Gesicht breitete sich ein zufriedenes Lächeln aus.
«Für’s Putzen sind wir eh Spezialisten», scherzte Simon. «Neuerdings sind ja sogar unsere Buketts mit Handbesen geschmückt!»
Verwundert furchte Vater die Stirn. «Was?»
«Nichts, nichts», kicherte Debora.
Die Kids warfen sich einen verschmitzten Blick zu.
«Und nun haben wir noch eine gute Nachricht», eröffnete Mutter. «Übermorgen kommt Silvia aus der Stadt zurück – ihr Haushaltskurs ist beendet. Und wir machen zu ihrer Begrüßung ein Riesenfest!»
«Stark!» Raffi freute sich schon jetzt. «Das wird mega toll. Klasse, Mann!»

3. Wer ist X?

Mit rotem Farbstift kritzelte eine Hand auf ein kariertes Blatt Papier die Worte:
nur noch kurze zeit
dann ist es um euer liebstes geschehen
X
Die Hand gehörte einem dünnen Jungen, der für seine 15 Jahre eher klein war. Er trug eine coole Markenjeans, und in sein silbernes Armband war der Name Manfred eingeprägt.
Seine Hälfte des Zweierzimmers enthielt eine nüchterne, zweckmäßige Einrichtung: Schreibtisch, Bett, Schrank, Büchergestell, das war alles.
Während Manfred den Papierbogen faltete, dachte er darüber nach, wie er aus dem Erziehungsheim hier abhauen könnte. Er würde die erstbeste Gelegenheit benützen, und die käme schon bald – sehr bald. Den Alltag hier drin empfand er als Zumutung. Jeden Morgen um 6 Uhr 30 aufstehen, Frühstück, Küchendienst, Schule im Haus. Nach dem Mittagessen und einer Stunde Ruhepause schon wieder Schule. Zimmer aufräumen, Hausaufgaben machen, und dann das Schlimmste: Gartenarbeit oder Stalldienst bei den Ziegen – je nachdem, wo man grade eingeteilt war. Doch das spielte gar keine Rolle, beides war für ihn der pure Horror: Da machte man sich die Hände schmutzig, es miefte nach Dung und man musste richtig schuften. Sollten die doch ihren Ziegenkäse und ihr Bio-Gemüse von nun an selber ziehen.
Manfred schaute auf seine Swatch. Fast 20 Uhr. Rasch steckte er das Blatt mit der Drohbotschaft in einen Umschlag und schrieb die Anschrift der Kaminskis darauf. Zum Glück überprüften sie im Heim nur die ankommenden Pakete – um sicherzustellen, dass keine unerlaubten Gegenstände wie Alkohol, Handys oder sonstwas ins Haus kämen. Die abgehenden Briefe lasen sie nicht.
Trübsinnig betrachtete er das Foto, das hinter dem Schreibtisch an der Wand hing. Es zeigte ein lächelndes Paar mit Baby. Vater, Mutter und er, als er noch klein war. Wenn er an seine Eltern dachte, fühlte er sich gleich noch einsamer hier. Wie alleine ausgesetzt im Weltall. Kein Mensch mochte ihn, und er mochte auch keinen. Brennendes Heimweh breitete sich in seinem Innern aus. Obwohl Vater und Mutter alles verbockt hatten – es war hundemies bei ihnen, aber immer noch besser als im Heim. Die Betreuer und der Direktor waren zwar ganz nett. Aber trotzdem.
Manfred riss seinen Blick von der Fotografie los. An allem trugen nur die Kaminskis Schuld. Sie hatten ihn verfolgt und in die Arme der Polizei getrieben. Er zog den Brief nochmals aus dem Umschlag und überflog die Zeilen. Diesen Kids würde er’s so richtig zeigen und sie an der Stelle drankriegen, wo’s ihnen am meisten weh tat. Er würde ihren Hund killen – den Köter, der damals mitgeholfen hatte, ihn zu überführen.*
Als die Tür aufsprang, zuckte Manfred zusammen. Hastig schob er den Drohbrief unter ein Schulheft.
Sein Zimmergenosse kam herein.
«Was versteckst du denn da Schönes?» Oliver setzte sich aufs Bett. In seinem Teil der Bude waren die Wände mit Postern von Heavy-Metal-Bands tapeziert. «Hast du keine Lust zum Tischfußballspiel gehabt? Die Spiele im Aufenthaltsraum sind doch noch das Beste in dem blöden Heim!»
«Bin erst unter die Dusche gekommen, als die Pause schon fast zu Ende war. Hat sich nicht mehr gelohnt.»
Überrascht sah Oliver auf. «Du bist doch als Erster in den Duschraum gegangen.»
«Als Erster, als Erster», äffte Manfred ihn nach. «Schon klar, aber die anderen haben sich vorgedrängt! War nichts zu machen.»
«Du musst dich eben auch vordrängen. Null Problem.»
«Für dich nicht – wenn sie dich kommen sehen, gehen sie schön von selbst zur Seite.»
Darüber konnte Oliver kaum seinen Stolz verbergen. Er war mindestens einen Kopf grösser und stämmig gebaut. «Ein kleiner Deal.» Neugierig deutete er auf das Schulheft. «Du zeigst mir, was du da drunter versteckt hältst, und ich verrate dir etwas, das dich ganz bestimmt interessieren wird.»
Manfred überlegte. Vertrauen konnte er dem Jungen auf keinen Fall. Aber wenn der sich mit Gewalt nehmen würde, was er wollte, gäbe es keine Chance, ihn dran zu hindern. Also wär’s immer noch besser, freiwillig mitzumachen. Außerdem nahm ihn die geheimnisvolle Neuigkeit wunder.
«Okay. Abgemacht.» Er zog das karierte Blatt unter dem Heft hervor.
Enttäuscht blickte Oliver darauf. «Das ist alles? Ich hab gedacht, es wäre was Niedlicheres.»
Rasch faltete Manfred den Papierbogen wieder. «Also – nun lass deine Ansage rüberwachsen!»
Der andere streckte sich genüsslich auf dem Bett aus und legte eine CD von «Metallica» in den Discman. «Kannst du schweigen?»
«Was glaubst du denn, wie man sonst den Kopf über Wasser hält?» Fahrig schob er den Drohbrief in das Kuvert und klebte es zu.
Olivers Miene spannte sich an. Er stand auf, kam herüber und flüsterte: «Ich weiß jetzt, wie wir abhauen können! Wir verschwinden noch diese Nacht!»
Ein Funkeln huschte über Manfreds Gesicht. Nun wäre es endlich soweit! Die Kaminskis konnten sich auf eine unliebsame Überraschung gefasst machen, die sie nicht so schnell vergessen würden …