In der Falle

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Beschreibung

„Die Kaminski-Kids“ Band 6

 Brunnen Verlag, Basel
190 Seiten, Hardcover gebunden, mit Illustrationen von Lisa Gangwisch

Ganz schön aufregend: Die Kaminski-Kids befreunden sich mit zwei Kindern eines Wanderzirkus, der in ihrer Gegend Halt macht. Doch als im Dorf etwas Wertvolles gestohlen wird, fällt der Verdacht auf die Zirkuskünstler. Die Lage spitzt sich noch zu, als die Polizei einen Teil des Diebesguts im Zirkus entdeckt. Um die Unschuld ihrer Freunde zu beweisen, sehen die Kaminski-Kids nur noch einen Ausweg: Sie versuchen, den wirklichen Täter auf eigene Faust zu finden. Doch dabei geraten sie in eine gefährliche Falle …

„Sogar lesefaule Kinder werden durch die Kaminski-Kids zu Leseratten!“
Schweizer Illustrierte

Empfohlen durch das Schweizer Jugendwerk Pro Juventute.

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Leseprobe aus „Die Kaminski-Kids: In der Falle“

 

1. Der Trick

„Fahrkarten-Kontrolle!“ rief ein Mann durch den Bus, in dem die drei Kaminski-Kids aus der Stadt nach Hause fuhren.
„Oh-oh …“ murmelte Raffi erschrocken.
Sie wühlte aufgeregt in ihren Hosentaschen, während der Schaffner ganz vorne die Fahrgäste zu überprüfen begann.
„Was ist denn?“ Simon sah seine kleine Schwester besorgt an.
„Ich finde die Fahrscheine nicht!“ antwortete sie leise.
„Du hast das Geld doch in den Automaten geworfen!“
„Ja, schon …“ Schuldbewusst biss sie sich auf die Unterlippe. „Aber ich glaub, ich hab die Karten vergessen mitzunehmen.“
„Das darf doch nicht wahr sein“, stöhnte Debora. „Was machen wir denn jetzt?“
„Weiß ich auch nicht“, schniefte Raffi. „Wie konnte ich nur so blöd sein!“
Auf der Sitzbank vor ihnen wandte sich ein dunkelhaariger Junge zu den Kids um. „Kein Problem“, flüsterte er. „Wir werden die Sache schon regeln.“
Während der Schaffner immer näher kam, schauten sie den Jungen überrascht an. Er war ein drahtiger Typ von etwa 14 Jahren mit schmalen Augen. „Mein Name ist Nando. Wie heißt euer Hund?“ fragte er mit Blick auf den Collie der Kids.
Simon musterte den gleichaltrigen Jungen abwartend. „Warum willst du das denn wissen?“
„Lass mich nur machen“, zischelte Nando. „Na komm, wie heißt er?“
„Zwockel“, erwiderte Debora. „Aber …“
Der Schaffner trat zu ihnen. „Bitte alle Fahrscheine vorweisen!“ Er kannte die Kids nicht. Sie waren auch sonst niemandem im Bus bekannt. Einzig etwas weiter vorne saß eine ältere Frau aus ihrem Dorf – sie beobachtete zwischen den Leuten hindurch aufmerksam das Geschehen bei den Kaminski-Kids.
Diese verfolgten mit pochenden Herzen, wie Nando dem Schaffner eine Gruppenfahrkarte hinhielt. „Für die drei Kinder mit dem Collie sowie für mich und meine Schwester hier“, erklärte er und deutete auf das schwarzhaarige Mädchen neben sich.
„Der Fahrschein ist in Ordnung“, brummte der Schaffner. „Aber gehören die drei mit dem Hund wirklich zu euch?“
Raffi bekam ganz weiche Knie. Wenn das bloß gut geht, dachte sie bange!
„Klar“, antwortete Nando dem Schaffner. „Glauben Sie’s etwa nicht? Na los, Zwockel, beweis es dem netten Herrn! Mach schön Männchen!“
Alle drei Kids hielten den Atem an, und die übrigen Fahrgäste betrachteten gespannt den Hund.
Zwockel zögerte kurz und erhob sich dann folgsam auf die Hinterbeine, was rund herum für heiteres Schmunzeln sorgte.
Doch der Schaffner blickte immer noch kritisch – er war nicht überzeugt.
Da zeigte Nando mit ausgestrecktem Finger auf den Boden. Sofort legte sich Zwockel hin. Als Nando nun eine Drehbewegung mit der Hand machte, rollte sich der Collie zur großen Verwunderung der Kids schnurstracks auf den Rücken. Hechelnd streckte er alle Viere von sich und ließ die Zunge aus dem Maul hängen.
Die Fahrgäste raunten verblüfft.
Auch der Schaffner war beeindruckt. Lächelnd zog er ab, um weitere Fahrscheine zu überprüfen. Als er genügend weit entfernt war, atmeten die Kids endlich auf.
„Das war knapp“, murmelte Simon erleichtert. „Danke, Nando.“
„Ist doch nichts dabei“, entgegnete der Junge. „Die Gruppenfahrkarte gilt für mehrere Personen, und ihr hattet ja eure Tickets bezahlt.“
In diesem Moment rumpelte der Bus über eine Bodenwelle, und die Kinder mussten sich festhalten, um nicht hinzufallen.
Noch immer verwundert schüttelte Debora den Kopf. „Nando, wie hast du dieses Kunststück mit Zwockel fertig gebracht?“
„Ach, das kann ich mit jedem Hund“, meinte er gelassen. „Stimmt’s, Carmen?“
„Na sicher.“ Das Mädchen neben ihm wendete sich den Kids zu. Es trug das lange, glänzende Haar zu zwei Zöpfen geflochten, hatte schwarze Augen und war wie Debora zwölf Jahre alt. „Mein Bruder kann solche Sachen noch mit ganz anderen Tieren“, erklärte Carmen. „Unser Äffchen hat er selbst dressiert!“
„Was?“ staunte Raffi. „Ihr habt ein Äffchen?“
„Klar.“ Carmen nickte stolz. „Nando hat es von Geburt an aufgezogen.“
„Das ist ja ’n Ding“, fand Simon.
Neugierig schaute Debora die beiden Kinder an. „Wir fahren bis ins nächste Dorf – und ihr?“
„Wir auch. Aber wir sind nicht von hier.“
„Und was macht ihr in der Gegend?“ wollte Raffi wissen.
„Kommt doch einfach mit. Dann erfahrt ihr’s.“
„Mitkommen?“ Simon runzelte die Stirn. „Wohin denn?“
„Das werdet ihr schon sehen“, sagte Nando und lächelte geheimnisvoll.
In ihrem Dorf stiegen die Kids mit Zwockel aus dem Bus, der beim Wegfahren eine stinkige Dieselabgaswolke ausstieß.
Unter dem trüben, verhangenen Himmel des späten Samstagnachmittags folgten sie Nando und Carmen eine stille Seitenstraße entlang.
„Aber hier geht’s doch zum Wald“, wunderte sich Debora. „Und zum alten Bergwerk!“
Nando schmunzelte. „So weit müssen wir nicht.“
„Nun mach’s mal nicht so spannend!“ rief Simon.
Zwockel tippelte aufgeregt um die Beine der Kinder herum, als sie die Gasse hinunter schlenderten. An den Ästen der Bäume und Sträucher sprießten hellgrüne Frühlingsblättchen. Die Luft war ziemlich warm für die Jahreszeit und duftete süß von den bunten Blumen und Büschen am Wegrand.
Raffi klaubte ihren Leuchtstern hervor, den sie vorhin in der Stadt gekauft hatte. Sie knipste ihn an, worauf er in drei Farben blinkte und dazu eine schrille Melodie von sich gab, die Simon und Debora jedes Mal auf die Nerven ging.
„Stell bloß dieses Ding ab, Raffi!“ verlangte Simon von seiner neunjährigen Schwester.
„Wieso denn?“ fragte die Kleine keck. „Ich mag es!“
Debora verzog den Mund. „Das Gedudel kann ich nicht mehr hören!“
Während Raffi schmollend den Leuchtstern abschaltete und wegsteckte, holte Debora ihr Handy heraus, um ihren Eltern per SMS mitzuteilen, dass sie etwas später heimkommen würden.
Am Ende der Straße blieb Nando vor dem letzten Haus stehen. Er deutete um die Ecke und rief feierlich: „Tadaaaa!“
Als die Kids um das Gebäude herum linsten, blieb ihnen der Mund offen stehen.
Auf dem Platz am Waldrand wurde ein Zirkuszelt aufgebaut.
Dahinter stand eine Reihe Wohnwagen, und daneben überdeckte ein kleines rundes Zeltdach einen Sägemehlkreis.
„Da sind wir“, sagte Carmen. „Das ist unser Zirkus.“
„Echt?“ Raffi konnte es kaum glauben.
„Klar. Kommt!“ Nando führte die staunenden Kids über das Gelände.
Vor dem Eingang des Zirkuszelts kletterte ein Mann eine Leiter hoch und hängte ein Schild mit dem Schriftzug VARIETE BELLINI auf. Girlanden bunter Glühbirnen zogen sich nach beiden Seiten der Zeltkuppel entlang.
„Wir machen für ein paar Tage Halt in eurem Dorf.“ Nando wies auf die kleine runde Sägemehlbahn. „Da drüben kann man Pony reiten, und hier im großen Zelt haben wir zweimal täglich unsere Show.“
„Poa!“ machte Debora. „Das find ich jetzt aber echt stark!“
Carmen trat auf einen Wohnwagen zu, der wie alle anderen eine Satellitenschüssel auf dem Dach hatte. „Das ist unserer“, sagte sie. „Das Zuhause von Nando und mir.“
Die Kinder setzten sich an den Camping-Tisch vor dem Caravan, und Zwockel legte sich daneben ins Gras. Aus den Bäumen am Waldrand drang munteres Vogelgezwitscher.
„Und ihr reist die ganze Zeit durchs Land?“ wollte Simon wissen. „Ihr habt kein festes Zuhause?“
„Mhm.“ Nando nickte. „Wir sind eine Artistenfamilie, die schon seit Generationen umher zieht. Unser Heim ist da, wo unser Zirkus steht! Wir bekommen die Stellplätze für die Wagen und die Zelte jeweils von der Gemeinde vermietet, in der wir gerade auftreten.“ Lächelnd fügte er hinzu: „Von eurer Gemeinde haben wir übrigens auch die Bus-Gruppenfahrkarte bekommen …“
Die Kids mussten grinsen, als sie an die Sache vorhin dachten.
„Schaut mal, hier.“ Carmen zeigte den Kids ihr geflochtenes Armband. Es war in hellen Farben gehalten und trug das verschnörkelte BELLINI-Signet. „So eins haben wir alle – die ganze Familie. Außer unseren Eltern gehört auch unser Onkel Aldo mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern zur Artistengruppe. Und natürlich die Großeltern. Die haben den Zirkus von ihren Eltern übernommen.“
Am Rand des Grundstücks wurde das Kassenhäuschen aufgestellt. Einer der Artisten verteilte Einladungszettel unter Leute aus dem Dorf, die gekommen waren, um das Treiben auf dem Platz zu beobachteten. „Heute Abend große Show!“ rief er immer wieder mit durchdringender Stimme.

 

„Oh-oh …“ Raffi deutete mit den Augen zum Eingang des Zirkus-Geländes. Dort schlenderten eben Mirko, Jens, Ergün und ein paar weitere Jungs der Banfits-Bande heran und sahen sich neugierig um.
„Wo sind denn eigentlich die Ponys, auf denen man reiten kann?“ fragte Debora, die sich als Pferdenärrin natürlich für diese Tiere interessierte.
„Die sind jetzt noch unterwegs in den Transport-Anhängern“, antwortete Carmen. „Weil für die Ponys hier am Waldrand kein Platz ist, hat die Gemeinde dafür gesorgt, dass wir sie über Nacht auf einem Hof in der Nähe unterbringen können. Auf Heinemanns Pferdefarm. Kennt ihr die?“
„Na, klar doch!“ Debora setzte sich erfreut auf. „Dort sind auch die Stuten von mir und meiner Freundin eingestellt! Das ist ja super, dass ihr die Ponys am gleichen Ort habt!“
„Wir bringen sie nachher da hin. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr mitkommen!“
„Au ja!“ rief Raffi. „Klasse, Mann!“
In diesem Augenblick flitzte ein Schatten um die Ecke.
Federleicht sprang ein kleines Tier auf Nandos Schulter.
„Ah, da bist du ja, Pinda!“ sagte er. „Darf ich vorstellen: Das ist mein Äffchen Pinda!“
„Oh, das ist aber süß!“ Raffi schmolz auf der Stelle. „Darf ich’s mal streicheln?“
„Gleich. Wenn Pinda euch gezeigt hat, was sie alles kann. Hol den Ball, Pinda! Schnell!“
Das Äffchen hüpfte flink über den Platz, verschwand in einem Wohnwagen und kam gleich darauf mit einem roten Ball zurück. Nach einem großen Sprung landete es auf Raffis Schulter. Kaum saß es da, warf es Debora den Ball zu.
„He, du bist aber fix!“ lachte sie.
„Gut gemacht, Pinda.“ Nando steckte dem Äffchen eine Erdnuss zu, die es sofort aufknackte und zu futtern begann.
„Manchmal bringt Pinda auch Dinge, die man gar nicht wollte“, erzählte Carmen. „Einmal ist sie mit dem Hochseil unseres Onkels aufgetaucht, und er rannte ihr verzweifelt durchs ganze Camp hinterher! ‚Hey!‘, rief er die ganze Zeit, ‚ich brauch das Seil für den Auftritt heute Abend‘!“
Die Kids lachten, während das Äffchen auf Zwockels Rücken sprang und versuchte, auf dem Hund zu reiten. Doch der Collie schüttelte Pinda gleich wieder ab. Vorsichtig schnüffelte er an dem Äffchen – so ein Tier hatte er noch nie gesehen …
„Die beiden werden sich schon vertragen“, meinte Nando. „Pinda ist so frech, dass die meisten Tiere sich zuerst an sie gewöhnen müssen.“ Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Hat euer Collie Junge? Das wäre nämlich cool – so eins könnte ich für die Show gebrauchen!“
„Zwockel hat mal vier Junge gehabt“, antwortete Simon. „Eins davon hat eine Freundin von uns bekommen: Franziska, aber sie ist inzwischen in die Stadt gezogen.“
Beim Namen Franziska horchte Mirko auf, der sich inzwischen mit der Bande ganz in der Nähe des Wohnwagens herumtrieb. Er trat mit seinen Freunden heran und lächelte Debora mitten ins Gesicht. „Jo, Schätzchen, gehen wir wieder mal zusammen zur Eisdiele?“
Seine Freunde grinsten, doch Debora fand es gar nicht lustig. Sie fragte sich, wie sie bloß jemals in diesen Jungen verliebt sein konnte. „Unternimm mit einer anderen was“, ließ sie ihn abblitzen. „Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben, Mirko!“
„Hou-hou-hou!“ johlten einige Banfits, während die ganze Bande davon schlenderte.
Carmen blickte Debora fragend an. „Wer ist denn dieser Junge?“
„Ach, das ist ein eingebildeter Typ“, entgegnete Debora wegwerfend. „Aber viele Mädchen stehen auf ihn, weil er so gut aussieht.“
Und Simon erklärte: „Mirko ist nach Franziskas Wegzug Boss der Banfits geworden. Diese Bande hat mal was ganz Schräges gebaut, und alle mussten dann vor den Jugendrichter. An ihrem Verhalten hat das nicht viel geändert. Immerhin haben sie seither nie mehr so was Extremes wie damals diesen Anschlag auf die Bahnlinie gemacht. Aber sie sorgen auch so noch für genügend Zoff in der Gegend.“
Im Gras neben ihnen wagte Pinda einen neuen Annäherungsversuch bei Zwockel. Doch der Collie knurrte sie an und zog sich abwartend zurück. Da sprang das Äffchen fort und verschwand im Wald hinter dem Camp.
„Wohin geht es denn?“ Besorgt schaute Raffi ihm hinterher.
„Auf Erkundungstour“, antwortete Nando. „Pinda durchforscht immer gerne die Umgebung, wenn wir an einem neuen Ort sind.“
„Aber kommt es denn wieder zurück?“
„Klar“, versicherte Carmen. „Die weiss ganz genau, wo sie ihr Futter kriegt!“

2. Diebstahl auf dem Pferdehof

„Wer ist hier für die Ponys zuständig?“ rief ein ungefähr 50-jähriger Mann in Gummistiefeln und blauen Arbeitshosen, der sich suchend vor dem Zirkuszelt umsah.
„Das ist Bauer Heinemann!“ Die Kinder erhoben sich aus ihren Campingstühlen und schlenderten zu ihm hinüber.
„Sono io! Ich bin zuständig!“ Ein Artist eilte vom Kassenhäuschen heran. Auf den ersten Blick war ihm anzusehen, dass er der Vater von Nando und Carmen war. Er hatte dasselbe schwarzglänzende Haar wie die beiden und war ebenso gertenschlank.
Lächelnd streckte er dem Bauern die Hand hin. „Enzo Bellini. Freut mich.“
„Ja, ja“, brummte Heinemann. „Die Ponys sind bei mir willkommen, es wird schließlich in gutem Geld dafür bezahlt. Aber ich sag’s euch gleich: Verstellt mir dann nicht alles im Stall! Ich will nicht, dass ich auf dem Hof nichts mehr finde! Ist das klar?“
„Kein Problem“, murmelte Bellini, betreten ob der Schroffheit des Bauern.
„Ah, der Herr ist pünktlich!“ Ein alter Mann trat aus dem Zirkuszelt und blickte auf seine goldene Taschenuhr, die mit einem Kettchen an seiner Weste befestigt war. Ihm stand das weiße Haar in wirren Locken vom Kopf ab, sein langer Schnurrbart war an den Enden gezwirbelt und sein Bauch wölbte sich beträchtlich vor.
„Unser Großvater“, flüsterte Carmen den Kids zu.
Aus Heinemanns Gesicht verschwand der knorrige Ausdruck. „Darf ich mal die Uhr sehen?“ fragte er interessiert.
„Naturalmente! Nur zu!“
Beeindruckt schaute der Bauer sie sich an, und seine Miene hellte sich noch mehr auf. „Das ist aber ein schönes Stück, das Sie da haben!“
„Si. Ein Unikat. Von meinem Großvater geerbt.“
„Eine 1899er mit Spezialgravur!“ sagte Heinemann fasziniert. „Prachtstück aus der Jahrhundertwende! Gratuliere!“
„Aha, der Herr kennt sich aus“, schmunzelte der alte Bellini.
„Sie verkaufen die wohl nicht, oder?“ erkundigte sich Heinemann. „Ich hab nämlich eine ganze Sammlung solcher Uhren zu Hause. Zwölf Stück, alles Jahrgänge mit Sammlerwert!“
„Da besitzen Sie ja eine richtige Kostbarkeit!“ lächelte Bellini. „Ma no, meine Uhr würde ich nie hergeben – nur in höchster Not.“
„Das kann ich verstehen.“ Der Bauer nickte beipflichtend. „Wenn ich meine nicht mehr hätte, wäre das für mich auch ganz schlimm. Ich hänge an diesen Stücken, die sind mein einziger Schatz!“
Mirko und die Banfits, die ebenfalls zugehört hatten, schlurften ein paar Schritte davon. „Krass, ich hab gar nicht gewusst, dass Heinemann so eine wertvolle Sammlung hat“, murmelte Mirko.
„Ein heimlicher Schatzkönig, ey“, feixte Ergün.
In diesem Moment hüpfte das Äffchen zurück aufs Camp und schnappte sich flink eine Erdnuss. Damit sprang Pinda am Zirkuszelt hoch, ringelte ihr Schwanzende um eine Stange, ließ sich kopfüber in die Tiefe baumeln und futterte gemütlich die Nuss.
Die Kids lachten. „Einfach niedlich!“ strahlte Raffi. „Das möchte ich auch können!“
Nebenan verzog Mirko den Mund. „So ein Affentheater, ey!“ Abschätzig wandte er sich einem seiner Freunde zu. „Gib mir besser mal Feuer, Jens!“
Doch der Junge schaute ihn bloß verständnislos an und klaubte sich den Discman-Hörer aus dem Ohr. „Was ist los?“
„Feuer. Du sollst mir mal Feuer geben, jo!“
„Ach so!“ Als Jens eifrig seine Streichhölzer hervorkramte, wurden die vier Ponys gebracht.
Debora rannte sofort zu den Tieren hin und begann sie zu streicheln. Lange hatte sie dazu allerdings nicht Gelegenheit, denn kurz darauf wurden die Ponys zum Aufbruch bereit gemacht. Bauer Heinemann setzte sich mit Nandos Vater an die Spitze des kleinen Trecks.
Kinder aus dem Dorf gesellten sich dazu – für sie war der Umzug eine willkommene Abwechslung. Einige von ihnen durften sogar auf den Ponys reiten, was vor allem den kleinen Mädchen vergnügte Quietscher entlockte. Eine der älteren Reiterinnen war die zwölfjährige Julia, die Tochter des Bürgermeisters, die einen pinkfarbenen Rucksack trug. Sie gehörte zwar nicht zu den Banfits, trieb sich aber trotzdem oft mit der Jugendbande herum.
Während die Kaminski-Kids mit Nando und Carmen neben den Ponys her schlenderten, tippelte Zwockel ausgelassen voran. Mirko und seine Kumpels begleiteten den Treck ebenfalls. Sie spotteten die ganze Zeit darüber, dass sich die anderen über „sowas Kindisches“ freuen konnten.
Im Dorfkern klapperten die Hufe laut auf dem Pflaster, und viele Fußgänger blieben am Straßenrand stehen. Es herrschte fast so etwas wie eine kleine Volksfest-Stimmung. In dem Getümmel schnappten die Kids auf, wie eine ältere Dame sich über die hübschen Ponys und die Freude der Kinder begeisterte. Doch ihr Mann meinte zweifelnd: „Na, mal sehen. Diese Leute ziehen in der Welt herum, haben keine richtige Arbeit, und überall wo die hinkommen, gibt’s früher oder später Ärger.“
Ein junger Mann nebenan nickte. „Man hört, die richten sogar ihre Tiere zum Klauen ab!“ Und er lachte der älteren Dame zu: „Pass bloß auf dein Silberbesteck auf, Ida – man weiß ja, dass vor denen nichts sicher ist, das nicht niet- und nagelfest ist!“
„Na, na, na“, schaltete sich eine Frau mittleren Alters ein. „Alles bloß Vorurteile! Nur weil die anders leben als wir Sesshaften, ist das noch lange kein Grund, schlecht über die zu reden.“
„Hey, da sind Loko und Suila!“ rief Debora erfreut. „Hallo, ihr zwei!“
„Wir haben von den Ponys gehört, da musste ich natürlich auch dabei sein!“ strahlte Suila, die ein ebenso großer Pferdefan wie Debora war.
Simon stellte die beiden den Zirkuskindern vor: „Das ist mein bester Freund Loko, und seine Schwester Suila ist die beste Freundin von Debora!“
Während die Jungs sich zu unterhalten begannen, stürmten Raffi, Debora und Suila zu den Ponys, um nun auch einmal zu reiten.
Etwas abseits tuschelten die Banfits verstohlen miteinander. „Ein bisschen Action könnte nicht schaden, ey“, meinte Mirko. „Wie wär’s, wenn wir die Pferde mal voll krass erschrecken? Dann hüpfen sie mit den Tussis drauf herum wie im Rodeo, Mann!“
„Na klar, ey!“ Jens war von der Idee begeistert. „Ich hab konkret noch ein paar Feuerwerkskörper vom letzten Dorffest daheim. Die könnten wir doch hochgehen lassen, wenn die Viecher die Hauptstraße überqueren!“
„Krass, Mann!“ grinste Ergün und rieb sich voller Vorfreude die Hände.
Schnell rannte Jens ins Haus seiner Familie, das gleich gegenüber lag, und verschwand hastig in seinem Zimmer.
Als der Pony-Umzug in die Nähe der Hauptstraße kam, war der Junge mit den Feuerwerks-Raketen zurück.
Im Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit versteckten sich die Banfits hinter einem Gebüsch. Dort warteten sie, bis die Ponys auf der Fahrbahn waren. Dann zündeten sie zwei Raketen gleichzeitig.

 

Mit ohrenbetäubendem Gekrache explodierten die Feuerwerkskörper. Die Ponys wieherten verängstigt, ihre Nüstern blähten sich und ihre Augen waren in Panik weit aufgerissen. Mitten auf der Straße stellten sie sich auf die Hinterbeine, so dass die Reiterinnen alle Mühe hatten, um nicht aus den Sätteln geworfen zu werden.
Ein Auto bremste quietschend und kam quer auf der Fahrbahn zum Stehen. Dahinter hupte ein Bus durchdringend. Mit knapper Not konnte er verhindern, in den Wagen und die Ponys hinein zu prallen.
Die umstehenden Leute schlugen entsetzt die Hände vor dem Gesicht zusammen. Ein beherzter Mann half Carmen und ihrem Vater Enzo dabei, die Ponys zu beruhigen und zum Gehsteig zu führen.
Während die Banfits in ihrem Versteck hinter dem Gebüsch ihren Sieg feierten, hielt sich einer der Jungs schmerzverzerrt den Arm. Eine der beiden Raketen war als Querschläger abgezischt und hatte Ergün verletzt. Er war kreideweiß im Gesicht, und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.
„Tut tierisch weh“, presste er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. Obwohl er seine Hand auf die Wunde am Arm drückte, drang Blut durch das T-Shirt nach außen.
Mirko und Jens schauten sich die Verletzung an. Die restlichen Banfits verzogen sich in Windeseile und hauten nach Hause ab.
„Das müssen wir verbinden gehen,“ nuschelte Jens.
Doch Ergün schüttelte den Kopf. „Dann wissen die ja gleich, dass wir es waren!“
„Was soll’s“, fand Mirko. „Wir werden denen schon irgendeine Story auftischen, Mann. Jetzt erst mal weg hier!“
Unbemerkt huschten die drei Jungs hinter dem Gesträuch hervor und mischten sich unter die Leute, die zu Heinemanns Hof einbogen.
Dabei fiel Enzo Bellinis Blick auf Ergüns Arm. „Was hast du denn, Junge? Du blutest ja!“
Ergün verzog gequält das Gesicht. Statt dessen antwortete Mirko: „Mein Kumpel ist hingefallen wegen der scheuenden Pferde! Irgendein Idiot hat da Feuerwerk gezündet!“
„Ich kenne mich mit Verletzungen aus“, erklärte der Artist. „Das gibt’s häufig bei uns im Zirkus. Ich kümmere mich um die Wunde.“
Als sie auf der Pferdefarm eintrafen, fragte Enzo Bellini den Bauern nach Verbandszeug.
„Hab ich im Haus“, antwortete Heinemann. „Aber ich kann im Moment nicht weg hier – muss zusehen, dass die Ponys in die richtigen Stallboxen kommen.“ Er rief einen Jungen mit blondem Stoppelhaar und fleckigen Hosen zu sich. „Das ist Patrick, mein Stallbursche“, stellte er ihn Bellini vor. „Bei uns sind eure Ponys gut aufgehoben! Patrick hat ein feines Gespür für die Tiere – er ist schon lange bei mir und macht die Arbeit gewissenhaft.“ Dann drückte er Patrick den Hausschlüssel in die Hand. „Du weißt ja, wo der Verbandskasten ist.“
Patrick nickte und eilte gemeinsam mit Ergün, Mirko und Jens zum Haus. Simon und Nando begleiteten die Jungs.
„Ich komme gleich nach!“ rief Bellini hinterher. „Sobald ich hier wegkann!“
Während die anderen Kinder zuschauten, wie die Ponys in den Stall gebracht wurden, schloss Patrick beim Haus die Eingangstür auf.
Er eilte ins Bad, holte den Verbandskasten und brachte ihn in die Küche, wo Ergün sich bleich vor Schmerzen auf einen Stuhl setzte.
„Hier.“ Patrick legte den Kasten auf den Tisch. „Ich geh wieder raus, bei den Ponys helfen.“
Als er sich umwandte, fragte Mirko: „Wo ist denn das Klo, Mann? Ich muss mal.“
„Im Flur. Erste Türe links.“ Der Stalljunge verschwand in der Diele, und Mirko folgte ihm.
Nando beugte sich über Ergüns Arm. „Sieht übel aus. Hast du weit zu dir nach Hause?“
„Schon ein Stück“, presste Ergün hervor.
„Dann solltest du abgeholt werden – in deinem Zustand kannst du unmöglich zu Fuss heimgehen.“
„Ich ruf seine Eltern an.“ Umständlich kramte Jens sein Handy hervor und trat in den Flur hinaus.
„Die Wunde blutet immer noch“, stellte Simon besorgt fest. „Nando, willst du nicht deinen Vater holen? Vielleicht hat er vergessen, dass hier ein Verletzter auf ihn wartet.“
„Okay, ich versuch’s mal.“ Eilig verließ Nando das Zimmer.
Die folgenden Ereignisse gingen Simon später immer wieder durch den Kopf, und er wünschte sich oft, er hätte sich alles noch viel genauer eingeprägt, was nun geschah …
Während er alleine mit Ergün in der Küche wartete, hörte er ein lautes Klirren aus einem Nebenraum. „Da ist wohl jemandem ein Glas runtergefallen“, murmelte er, doch Ergün hob nicht einmal den Kopf.
Gleich danach waren schnelle Schritte in der Diele zu hören.
Simon trat zur Tür und blickte in den Flur. Dort sah er Julia, die Tochter des Bürgermeisters, den Gang entlang kommen. Sie zog ihren knallrosa Rucksack über, als hätte sie ihn kurz zuvor abgelegt.
„Hast du dieses Klirren auch gehört?“ fragte Simon.
„Ich?“ Verstört schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich hab nichts gehört.“
Seltsam, dachte Simon, dann muss ich mich wohl getäuscht haben.
Julia schlurfte an ihm vorbei in die Küche und wusch sich in der Spüle die Hände.
In diesem Moment erschien endlich Enzo Bellini im Haus. „Wo ist der Patient?“ rief er, öffnete die erste Tür im Flur und trat ins Wohnzimmer.
„Hier ist er!“ antwortete Simon.
Sofort kam Bellini wieder raus, eilte in die Küche und musterte Ergüns Wunde im hellen Licht der Deckenlampe. „Hmmm“, machte er, während er den Arm reinigte. „Da sind Spuren von Schwarzpulver, wie es in Feuerwerkskörpern vorkommt … Bist du sicher, dass du die Verletzung wegen der scheuenden Ponys gekriegt hast – dass du wirklich hingefallen bist?“
„Es brennt wie verrückt!“ jammerte Ergün.
Bellini desinfizierte die Wunde und begann einen Verband anzulegen. „Du solltest auf jeden Fall zum Arzt. Ich verbind’s fürs Erste mal, damit die Blutung gestillt wird.“
Als Simon draußen Bodendielen knarren hörte, warf er erneut einen Blick in die Diele. Zu seinem Erstaunen kam Jens aus dem oberen Stockwerk herunter.
Wie ertappt murmelte der Junge: „Ich hatte auf dem Handy hier unten keinen Empfang – deshalb bin ich rauf gegangen …“

Kurz darauf fuhren Ergüns Eltern auf dem Hof vor, um ihren Sohn abzuholen. Im Pferdestall waren die Ponys mittlerweile in ihren Boxen untergebracht und für die Nacht versorgt, und die vielen Leute verließen allmählich die Farm.
Nando, Carmen und ihr Vater hatten es eilig, denn sie mussten noch ihre abendliche Show vorbereiten. So verabschiedeten sich die Kaminski-Kids von ihnen und auch von Loko und Suila.
Als schließlich alle nach Hause gegangen waren, kehrte auf dem Pferdehof wieder Ruhe ein.
Bauer Heinemann trat ins Haus und streckte ächzend den Rücken durch. „Mann, das war ja ein Tag heute …“ seufzte er und holte sich in der Küche ein Bier aus dem Kühlschrank. Er nahm die Zeitung vom Bord und schlenderte damit ins Wohnzimmer hinüber.
Dort stellte er verwundert fest, dass das Fenster offen stand.
„Merkwürdig“, murmelte er. „Hatte ich das nicht zugemacht?“ Er schloss es gegen den kühlen Abendwind und setzte sich in seinen Polstersessel.
Doch dabei entdeckte er etwas auf dem Fußboden.
Scherben.
Sie lagen vor der Wohnwand, unterhalb der Glasvitrine.
Und dann blieb Heinemann fast das Herz stehen. Die Vitrine war aufgebrochen und vollkommen leer.
Seine wertvolle Sammlung alter Golduhren! Sie war weg.
Spurlos verschwunden.

3. Die grosse Überraschung

Völlig geschockt starrte Bauer Heinemann in die aufgebrochene Glasvitrine. Fassungslos erhob er sich aus dem Sessel und untersuchte die Wohnwand. Doch von der Uhrensammlung war keine Spur zu sehen – weder in den anderen Regalen noch sonstwo im Zimmer.
Einen Moment lang verschwamm alles vor seinen Augen. Er tastete nach Halt und musste sich wieder hinsetzen. Lange Zeit brütete er zusammengesunken vor den Scherben seiner großen Leidenschaft.
Ein Wert von über 20’000 Euro. Einfach weg.
Noch viel mehr schmerzte ihn der gefühlsmäßige Verlust, den das Verschwinden der einmaligen Sammlung für ihn bedeutete. Er hatte sie seit Jahrzehnten gehegt und gepflegt, sie war sein größtes Hobby und der einzige Luxus, den er sich leistete.
Innerlich sah er sie noch einmal vor sich, seine zwölf blinkenden Golduhren. Schön neben einander aufgereiht in ihrer mit dunkelrotem Samt ausgekleideten, schweren Holzschatulle.
Doch darüber legte sich wieder das traurige Bild der Wirklichkeit – die zersplitterte Glasscheibe vor dem gähnend leeren Vitrinenfach.
Heinemann stand auf und schlurfte mit gesenktem Kopf in die Diele hinaus. Er hob den Hörer des Telefons auf der niedrigen Kommode ab, um die Polizei anzurufen.
Dabei fiel sein Blick auf eine leere Stelle neben dem Telefonapparat. Dort fehlte etwas. Das Hufeisen, das er als Erinnerung an seinen früheren Lieblingshengst Hardy da liegen hatte. Es war weg.
„Das gibt’s doch nicht!“ brummte er aufgebracht.
Schnell ging er in die Küche und machte den Geschirrschrank auf. Vom obersten Regal angelte er sich eine Dose herab, öffnete sie und schaute hinein. Das Haushaltsgeld war noch da.
Reflexartig fuhr seine Hand zur Hosentasche. Sein Geldbeutel steckte drin, wie immer.
„Seltsam“, murmelte er verwirrt. „Die Uhren und das Hufeisen sind weg – aber sonst scheint nichts zu fehlen …“
Befremdet schüttelte er den Kopf. Dann trat er zurück in den Flur und wählte die Nummer der Polizeiwache.